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Leitbild: Eltern brauchen Hilfestellung

Eltern brauchen Hilfestellung

Inhalt

Frau Heinen, die Deutschen sind ein schwergewichtiges Volk. Das gilt auch zunehmend für Kinder und Jugendliche. Woran liegt das?

URSULA HEINEN: Ganz einfach. Viele Kinder und Jugendliche nehmen heute mehr Kalorien zu sich, als sie durch Bewegung wieder abbauen. Sie kommen nach der Schule nach Hause, setzen sich an den Computer, vor den Fernseher oder telefonieren stundenlang mit Freunden. Sie gehen seltener nach draußen, um mit anderen Kindern zu spielen, um zu skaten oder Fahrrad zu fahren. Gleichzeitig essen Sie aber nicht weniger als früher und nehmen deshalb zu.

Warum gelingt es vielen Eltern nicht, hier korrigierend einzugreifen?

HEINEN: Als Mutter einer 19 Monate alten Tochter weiß ich selbst, wie schnell man überfordert ist, wenn es um die richtige und altersgemäße Ernährung geht. Man macht sich viele Gedanken und handelt dann doch manchmal falsch, weil man es nicht besser weiß. Ich bin überzeugt, der überwiegenden Mehrheit der Eltern geht es ebenso. Mütter und Väter wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Aber sie brauchen ein Stück weit Hilfestellung dabei. Früher haben sie die von ihren Eltern, Großeltern und Tanten bekommen. Heute, wo es diese engen Familienbindungen häufig nicht mehr gibt, sind Anregungen und Rat von außen nötig.

Wie könnte eine solche Unterstützung aussehen?

HEINEN: Gerade für berufstätige Mütter und Väter, die wenig Zeit zum Kochen haben und ihr Kind trotzdem ausgewogen ernähren wollen, ist es schwierig, sich beispielsweise angesichts der Fülle von Babynahrung zurechtzufinden. Die Hersteller informieren zwar über deren Inhalte und geben Ernährungsempfehlungen. Was fehlt, sind Informationen unabhängiger Institutionen in den Supermärkten. Außerdem wäre es wichtig, Kinder- und Jugendärzte intensiver als bisher in die Ernährungsberatung einzubinden. Bis zum 14. Lebensjahr eines Kindes stehen 13 Vorsorgeuntersuchungen an – eine gute Möglichkeit, Wissen über Ernährung und Bewegung an junge Eltern weiterzugeben.

 

Übergewicht ist auch ein soziales Problem ...

HEINEN: In der Tat! Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien haben öfter Probleme mit dem Gewicht als ihre Altersgenossen mit anderem familiären Hintergrund. Hier hapert es häufig an einer gemeinsamen Ess- und Freizeitkultur – zum Teil auch, weil die Eltern aufgrund ihrer sozialen Situation resigniert haben. Manche Familien haben nicht einmal mehr einen Esstisch. Stattdessen wird nebenbei vor dem Fernseher gegessen. Die Kinder lernen nicht, wie schön gemeinsame Mahlzeiten sein können. Und sie lernen auch nicht, dass man zusammen rausgeht, im Wald spaziert oder gemeinsam Sport treibt.

Wie wollen Sie diese Familien erreichen?

HEINEN: Die Politik hat hier leider nur begrenzte Möglichkeiten. Wir können uns an Werbemaßnahmen beteiligen, Initiativen und Kampagnen initiieren und zusätzliche Unterrichtsmaterialien bereitstellen. Aber um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, brauchen wir Unterstützung. Deshalb ist es so wichtig, dass sich Kindergärten und Schulen vor Ort engagieren. Es gibt hier schon viele erfolgreiche Projekte.

Nennen Sie bitte ein paar Beispiele.

HEINEN: Einige Kindergärten in sozialen Brennpunkten bieten Kochkurse an. Dort lernen Eltern, wie man auch mit wenig Geld aus frischen Zutaten leckere und gesunde Gerichte kocht. Die Nachfrage ist sehr groß. Auch Schulen können etwas tun. Ich war neulich an einer Grundschule in Berlin-Marzahn. Dort hat die CMA [Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, Anm. der Redaktion] im Rahmen ihrer Herbstaktion das Mittagessen gekocht und die Zutaten ausgestellt. Einige der Kinder hatten noch nie Kürbis gegessen oder eine frische Kartoffel gesehen. An derselben Schule gibt es übrigens ergänzend zum Sportunterricht auch ein Projekt, das die Motorik und Konzentration der Kinder fördert. Im Unterricht sind dann alle gleich viel ruhiger und aufnahmefähiger.

Brauchen wir nicht viel mehr solcher Kooperationen?

HEINEN: Auf jeden Fall. Deshalb hat sich die Bundesregierung ja auch 2004 an der Gründung der Plattform Ernährung und Bewegung (PEB) beteiligt und stellt Gelder für einzelne Projekte zur Verfügung. Allein in diesem Jahr steht eine Million Euro aus dem Bundeshaushalt für PEB bereit, für 2008 haben wir die gleiche Summe zugesagt.

Und was zeichnet die Arbeit der Plattform aus?

HEINEN: In der PEB engagieren sich verschiedene politische und gesellschaftliche Institutionen, Verbände und Unternehmen. Unter anderem sind Elternvertreter, Ärzte, Krankenkassen und Sportvereine dabei. Das fördert nicht nur den Austausch, sondern ermöglicht auch gemeinsame Projekte. Zu Beginn des neuen Schuljahrs haben wir beispielsweise eine "Schulmilch-Aktion" in Grundschulen gestartet. Damit wollen wir Kindern wieder Milch als gesunde Alternative zu anderen Pausengetränken schmackhaft machen.

Die Bundesregierung hat im Mai 2007 mit dem Eckpunktepapier "Gesunde Ernährung und Bewegung – Schlüssel für mehr Lebensqualität" die Bekämpfung von Übergewicht zu einer zentralen Aufgabe erklärt. Warum ist das Thema so wichtig für die Politik?

HEINEN: Weil es erhebliche Auswirkungen auf unser Gesundheitswesen hat und weil es unsere Aufgabe ist, für Rahmenbedingungen zu sorgen, in denen die Menschen gut und gesund leben können. Ernährungsmitbedingte Krankheiten verursachen jährlich Kosten von rund 70 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon allein durch Diabetes. Wenn wir diese Tendenz nicht stoppen, bekommen wir massive Probleme.

Wie kann der Nationale Aktionsplan zur Lösung des Problems beitragen?

HEINEN: Wir wollen und können den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Trotzdem wollen wir es schaffen, bis 2020 das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Menschen nachhaltig zu verbessern. Wir brauchen in Deutschland eine echte Ernährungsbewegung – ähnlich der Trimm-dich-Bewegung in den 70er- Jahren –, einen Trend zum gesunden Leben, der sich in alle Bereiche des Alltags erstreckt. In den vergangenen Jahren hat sich die Ernährungsaufklärung im Wesentlichen auf Schulen und Kindergärten konzentriert. Im Nationalen Aktionsplan werden ebenso Erwachsene als Zielgruppe berücksichtigt. Wir wollen die Möglichkeiten, sich gesund zu ernähren und viel zu bewegen, fördern: indem wir bei Bauvorhaben der öffentlichen Hand stärker auf Gesundheitsaspekte achten, die Verpflegung außer Haus verbessern, Arbeitgeber ermutigen, mehr in die Gesundheit ihrer Angestellten zu investieren, die gesunde Wahl beim Einkauf zum Beispiel über die Kennzeichnung leichter machen, und Erzieher und Lehrer dabei unterstützen, dass ihre Einrichtungen zu Ernährungs- und Bewegungsschulen beziehungsweise -kindergärten werden.

 

Inwiefern ist auch die Wirtschaft in der Pflicht, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung und zu mehr Bewegung zu leisten?

HEINEN: Einige Lebensmittelhersteller und Handelsunternehmen haben ja erfreulicherweise bereits von sich aus die Initiative ergriffen und verbraucherfreundliche, erweiterte Nährwertinformationen auf ihren Produkten eingeführt. Dieses freiwillige Engagement wollen wir mit unserem im Oktober vorgestellten "1 plus 4"-Modell weiter stärken. Es ist eine gute Alternative zur britischen Ampel-Kennzeichnung, die aus unserer Sicht Lebensmittel zu sehr bewertet und dem Verbraucher seine eigene Einschätzung abnimmt. Mit dem "1 plus 4"-Modell und dem dazugehörigen Einstiegsmodell stellen wir den Kaloriengehalt einer Portion und den Bezug auf die empfohlene tägliche Energiezufuhr in den Vordergrund und überlassen dem Verbraucher die Wahl. Zusätzlich sollen Angaben zu den zentralen vier Nährstoffen Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren und Salz, ebenfalls pro Portion und in Bezug auf die Richtwerte zur Tageszufuhr, gut sichtbar auf der Verpackung aufgeführt sein.

Sind diese Maßnahmen wirklich ausreichend, um eine Kehrtwende herbeizuführen? Oder brauchen wir doch klarere Ansagen und schärfere Gesetze?

HEINEN: Von Verboten, Vorschriften und langen Tabellen halte ich wenig. Natürlich ist es wichtig zu wissen, dass Obst und Gemüse das A und O einer ausgewogenen Ernährung sind und Wasser besser ist als allzu süße Getränke. Aber Eltern dürfen auf keinen Fall verkrampft an das Thema herangehen oder Kindern und Jugendlichen aus Angst vor Übergewicht bestimmte Lebensmittel sogar verbieten. Damit provozieren sie im schlimmsten Fall eine Trotzreaktion und ihr Kind isst Süßes und Fettiges einfach heimlich.

 

Frau Heinen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Stand 12. Dezember 2007 | Copyright METRO AG | Nutzungsbedingungen/Impressum

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