Rotterdam ist nicht nur berühmt für seinen Hafen, sondern auch für seine moderne Architektur. Die Großen der Zunft haben hier – meist mit viel Glas – gebaut, von Norman Foster und Renzo Piano bis zum gebürtigen Rotterdamer Rem Koolhaas. Doch wer vom Zentrum entlang der Maas nach Osten fährt, erreicht schnell weniger spektakuläre Gegenden. Am Rande einer Schnellstraße im Stadtteil Kralingen ragen die grauen, schlichten 1970er-Jahre-Bauten der Erasmus- Universität auf. Die nüchternen Betonfassaden lassen kaum vermuten, welcher Schatz sich im sechsten Stock des Gebäudes M verbirgt: Der Soziologie-Professor Ruut Veenhoven und sein Team sammeln dort das Glück der Welt.
Seit 1980 haben die niederländischen Forscher für die "World Database of Happiness" mehr als 5.000 Studien aus 120 Ländern zusammengetragen und verglichen. Die meisten sind empirische Erhebungen, also Befragungen von Menschen in aller Welt zu ihrem individuellen Glücksempfinden. Mehr als eine halbe Million Besucher aus aller Welt hat die Datenbank bereits durchstöbert – auf der Suche nach Antworten auf sehr grundlegende Fragen.
Doch welches Glück ist es überhaupt, das da gemessen und verglichen wird? Schließlich beginnen die Schwierigkeiten, dieses Gefühl zu definieren, bereits bei der Sprache: Das Englische unterscheidet zwischen "luck" und "happiness". Wer "lucky" ist, dem fällt das Glück durch Zufall zu – vielleicht weil er im Lotto gewinnt. "Happy people" sind in einem umfassenderen Sinne glücklich. Sie fühlen sich wohl, sind guter Stimmung. Das Deutsche kennt für beide Nuancen nur das eine Wort: Glück.
Doch selbst wenn mehr als zwei Begriffe zur Verfügung stünden: Sie allein sagen wenig aus über das, was unter Glück eigentlich zu verstehen ist. Geht es nur um den seligen Moment, vielleicht durch die Begegnung mit einem besonderen Menschen? Um eine generelle Zufriedenheit mit dem eigenen Leben? Oder gar um ein "Glück der Fülle", wie der Philosoph Wilhelm Schmid vorschlägt: also eine Freude an der Vielfalt des Lebens, auch an seinen negativen Seiten? Noch grundsätzlicher gefragt: Kann der Mensch überhaupt glücklich sein und was muss er dafür tun?
Nicht nur Hobbypsychologen verlieren sich gern in solchen Fragen. Das Thema ist ein Dauerbrenner der Weltliteratur. Von Aischylos über Goethe bis zu den jüngsten Autoren von Ratgebern wie der "Glücksformel" haben sich alle Großen und weniger Großen dazu ihre Gedanken gemacht. Schließlich rührt das Thema an Grundfragen des Daseins – nicht zuletzt an die nach dem Sinn und Ziel des Lebens.
Egal ob Philosophen, Psychologen, Soziologen oder Mediziner: Die Wissenschaft kann sich solchen Fragen immer nur annähern. Der Niederländer Veenhoven interessiert sich zum Beispiel nicht für philosophische Betrachtungen. Als Sozialwissenschaftler sucht er das Messbare. Er definiert Glück als "Lebenszufriedenheit", als das Gefühl allgemeinen Wohlbefindens. "Grundsätzlich empfinden Menschen in China nicht anders als Franzosen", sagt der 65-Jährige. Unterschiede gebe es vielleicht bei der Vorstellung, wie ein glückliches Leben aussehen sollte. Oder bei der Frage, warum man sich so fühlt, wie man sich fühlt. "Doch das Gefühl an sich ist universell – wie Kopfschmerzen."
Von dieser Annahme ausgehend, durchforstet er die weltweite Forschung nach Untersuchungen, die zu diesem Grundverständnis passen. Die Ergebnisse lassen sich an Faktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen oder Herkunft koppeln. Das erlaubt Schlüsse darauf, wo und unter welchen Umständen die Menschen am glücklichsten sind. Auf dieser Basis entstehen zum Beispiel Länderrankings des Glücks.
Die Frage nach den allgemein gültigen Voraussetzungen für das Glück hat Veenhoven für sich früh beantwortet. Als er in den 1960er-Jahren seine wissenschaftliche Laufbahn begann, dominierte in der Soziologie die Zufriedenheitstheorie: Demnach hängt das Glück des Menschen wesentlich von der Kultur ab, in der er lebt. Indem er sein eigenes Leben stets mit den herrschenden Wertvorstellungen abgleicht, schätzt er sich selbst als mehr oder weniger zufrieden ein. Veenhoven ist dieser Ansatz zu rational. Er vertritt die Bedürfnistheorie: Demnach ist der Mensch dann zufrieden, wenn seine Bedürfnisse befriedigt sind. Dazu zählen zunächst die sogenannten Mangelbedürfnisse – nach Nahrung, Wärme und Schlaf, aber auch nach der Gemeinschaft mit anderen, Wertschätzung und Sicherheit. Veenhoven verweist außerdem auf die funktionellen Bedürfnisse: Demnach hat jeder Mensch den Drang, die ihm angeborenen Fähigkeiten zu nutzen. Was wir können, wollen wir auch tun.
Aus seiner vergleichenden Forschung zieht Veenhoven umfassende Schlüsse zum persönlichen Wohlbefinden des Menschen. Einige seiner Kernthesen:
Veenhoven steht mit seinen Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit in einer langen Tradition. Die jahrtausendealte "Geschichte des Glücks" hat ungezählte Definitionen und Ansichten zum Glück hervorgebracht. Doch eine Annahme verbindet die allermeisten Denker und Forscher: die Idee, dass die Menschen grundsätzlich nach Glück streben. "Glücklich leben wollen alle. "Mit diesem Satz begann bereits der römische Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert nach Christus sein Buch "De vita beata" ("Vom glücklichen Leben"). Für Aristoteles war Glückseligkeit das Ziel und Ende allen menschlichen Tuns. Und "the pursuit of happiness", das Streben nach Glück, fand sogar Eingang in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika.
Über viele Jahrhunderte wurde das Glück vor allem als flüchtiges und unberechenbares Gefühl verstanden. Einen Wendepunkt markierte die empirische Ethik des Utilitarismus, die Jeremy Bentham im 18. Jahrhundert begründet hat. Die besten Handlungen sind nach seiner Vorstellung diejenigen, die zum "größtmöglichen Glück der größten Anzahl von Menschen" beitragen. Er setzte das Glück mit dem Nutzen gleich. Und der, so Bentham, lasse sich für jeden Menschen individuell errechnen.
In dieser Tradition galt für Wirtschaftstheoretiker lange vor allem das Ziel, den Nutzen für die Menschen in materieller Hinsicht zu steigern. Als Maßstab dienten in erster Linie Wohlstand und Wachstum. Denn daran ließen sich Erfolge gut messen: je mehr Geld, desto besser vermutlich für die Menschen. Das Glück selbst ließ sich ja nicht nachweisen – bis vor etwa 30 Jahren Psychologen wie der US-Amerikaner Ed Diener begannen, das subjektive Wohlbefinden empirisch zu messen: indem sie Menschen einfach fragten, wie es ihnen geht. Die Hirnforschung hat vor einigen Jahren bestätigt, wie zuverlässig diese Umfrageergebnisse sind.
Mit ihren Thesen rüttelten die empirischen Glücksforscher an den Grundpfeilern der traditionellen Ökonomie. Für Wissenschaftler wie den Briten Richard Layard, den Schweizer Bruno Frey, den US-Amerikaner Ed Diener und den Niederländer Ruut Veenhoven reicht heute das Bruttosozialprodukt nicht mehr aus, um den Erfolg eines Wirtschaftssystems oder eines Staates zu beurteilen. Sie halten die subjektive Zufriedenheit der Bürger für ein wichtiges – vielleicht sogar für das entscheidende – Kriterium.
Was bringt sie zu dieser Annahme? Die Grundlagen hat bereits der US-amerikanische Wirtschaftsprofessor Richard Easterlin 1974 gelegt. Er versuchte als Erster nachzuweisen, dass Geld und Wohlstand die Menschen nicht unbedingt glücklicher machen. Dafür verglich er die Einkommen in Industriestaaten mit der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit. Es zeigte sich: Obwohl sich die Einkünfte über die Jahre zum Teil vervielfachten, blieb die Zufriedenheit annähernd konstant. Allerdings galt dies erst ab einem bestimmten Niveau. Bis zu einem Jahreseinkommen von etwa 10.000 US-Dollar, so Easterlin, spiele das Geld für das Glück eine entscheidende Rolle. Armut mache unglücklich. Doch ab einem bestimmten Punkt lasse sich das Glücksgefühl durch Wohlstand nicht mehr steigern.
Auch wenn viele Forscher Easterlins Thesen heute angreifen: Dass Geld (allein) nicht glücklich macht, gilt als unumstritten. Manche Wissenschaftler stellen daher sogar politische Forderungen auf. So schlug der renommierte britische Ökonom Richard Layard Premierminister Tony Blair vor einigen Jahren einen "Happiness-Index" als Prüfstein für alle Gesetze vor. Die Idee: Beschlossen wird nur, was glücklich macht. Layard empfahl sogar hohe Luxussteuern, damit die Menschen weniger nach materiellen Gütern streben. Die Vorschläge wurden nie realisiert – aber die britische Regierung setzte ein Zeichen, indem sie als erste Glücksforscher als Regierungsberater ins Boot holte.
Für die Zahlen und Thesen der Glücksforscher interessieren sich auch immer mehr Unternehmen. Interessante Perspektiven könnten sich vor allem für Personalmanager ergeben. Angesichts rückläufiger Geburtenzahlen befinden sie sich mitten im "Kampf um die besten Köpfe". Was können Unternehmen also tun, um das Glück ihrer Mitarbeiter zu fördern und sie stärker an sich zu binden? Eine "Selbstverständlichkeit" sollten nach Einschätzung des Nürnberger Wirtschaftsprofessors Karlheinz Ruckriegel zum Beispiel familienfreundliche Arbeitsbedingungen sein, da ein intaktes privates Umfeld die Zufriedenheit steigere. Der Schweizer Glücksforscher Bruno Frey empfiehlt außerdem, dem Bedürfnis nach Mitbestimmung entgegenzukommen. Menschen seien in einer direkten Demokratie besonders glücklich, motiviert und damit auch produktiver.
Über neue Wege, Erfolg zu messen, sollten nach Ansicht von Glücksforschern vor allem jene Unternehmen nachdenken, die das Glück quasi als Produkt verkaufen. Veenhoven denkt da zum Beispiel an Altersheime: "Es gibt dicke Kataloge mit Qualitätskriterien, von der Ausbildung der Pfleger bis zur Hygiene im Waschraum. Aber wer fragt, ob Opa glücklich ist?" Auch die Anbieter von Häusern oder Reisen könnten bei den Kunden vielleicht stärker punkten, wenn sie die glücksfördernde Wirkung ihrer Produkte belegen würden. Die wachsende Popularität der Glücksforschung treibt auch abseits der wissenschaftlichen Arbeit die vielfältigsten Blüten: In den Regalen der Buchhandlungen finden sich stapelweise Ratgeber für ein glückliches Leben. Unternehmensberater bieten auf der Basis der Erkenntnisse von Layard, Veenhoven & Co. bereits "Glücks-Coachings" an – zu ihren Kunden zählen unter anderem Krankenkassen und eine Reihe von Dax-30-Unternehmen. Und an einer Heidelberger Schule steht seit Kurzem das Unterrichtsfach "Glück" auf dem Lehrplan. Allerdings geht es dabei eher um positives Denken und allgemeine Lebenskompetenz. Es könnte auch "Psychologie" heißen. Aber das Glück hat einfach die größere Anziehungskraft.
Dem Traum vom Glück kann sich offensichtlich niemand entziehen. Doch die Verantwortung für das persönliche Wohlbefinden komplett an Staat, Arbeitgeber oder Schuldirektoren zu delegieren, ist dann doch zu einfach. Zu einem gewissen Grad kann jeder selbst zu seinem Glück beitragen. Allerdings auf andere Weise, als die meisten denken. Statt mit aller Kraft auf die nächste Gehaltserhöhung hinzuarbeiten, Lotto zu spielen oder an einer Castingshow teilzunehmen, sollte man sich vielleicht mehr um seine sozialen Kontakte kümmern. Denn auch das hat die Glücksforschung gezeigt: An Wohlstand und sogar Luxus gewöhnt sich der Mensch schnell. Gespräche und gemeinsame Aktivitäten mit Partnern, Freunden, Geschwistern oder Nachbarn hingegen werden nie zur Routine: Sie sind immer wieder neu – und sorgen für viele erfüllte und damit glückliche Momente.